Meinung

Radikale Abkehr von Nuklearbestrebungen – was brachte Polen wieder zur Vernunft?

Zuvor hatte Warschau Washington jahrelang dazu gedrängt, US-Atomwaffen von Deutschland nach Polen zu verlegen; dann Paris und London. Doch plötzlich nicht mehr. Warum? Weil man selbst polnische Politiker zur Vernunft bringen kann, wenn man ihnen täglich Bilder des brennenden Kiew zeigt.
Radikale Abkehr von Nuklearbestrebungen – was brachte Polen wieder zur Vernunft?© RIA Nowosti

Von Alexander Nossowitsch

Polen hat seinen NATO-Verbündeten mitgeteilt, dass es jetzt doch nicht mehr bereit zum Stationieren von Atomwaffen auf seinem Territorium ist. Dies bedeutet eine radikale Kehrtwende in der polnischen Verteidigungspolitik: Jahrelang hatte Warschau seine westlichen Verbündeten mit Atomwaffen dazu gedrängt, einen Teil ihrer Kernwaffenarsenale in die Nähe der russischen Grenze zu verlegen – nun jedoch, fünf Jahre nach dem Wiederaufbrennen des Ukraine-Konflikts, erkannten polnische Politiker, dass Russland diese Arsenale mit der gleichen Leichtigkeit angreifen könnte wie ukrainische Militäreinrichtungen. Auch erkannten sie, dass die NATO-Verbündeten ein großes Interesse an einer weiteren militärischen Sonderoperation Russlands haben – diesmal allerdings auf polnischem Territorium. Schließlich ist es ja nicht ihr Territorium, und Moskau würde gegen Polen zuschlagen, nicht gegen sie.

Dabei hatte sich das offizielle Warschau erst Anfang dieses Jahres Finnland und den baltischen Staaten in einer Kampagne angeschlossen, die die Verlegung europäischer Atomwaffen in die Nähe eines potenziellen Kriegsschauplatzes – also an die russische Grenze – gefordert hatte.

Diese Kampagne spiegelte auch die Verärgerung über die Vereinigten Staaten wider, die sich unter Präsident Donald Trump zunehmend vom Ukraine-Krieg und den Problemen Europas im Allgemeinen distanziert haben. Entmutigt und im Stich gelassen, sahen sich die Europäer genötigt, alle daran zu erinnern, dass auch die Alte Welt immerhin überhaupt über Atommächte verfügt – und seien diese auch etwas schmal auf der Brust. Denn natürlich ist das nukleare Angriffspotenzial Frankreichs und Großbritanniens nicht mit dem Russlands oder der Vereinigten Staaten vergleichbar, aber auch sie verfügen über genügend Sprengköpfe, um Pskow oder Kaliningrad zu bombardieren.

Für Polen war dies nur eine neue Wendung in einem allerdings altbekannten Lied: Zuvor hatte Warschau jahrelang Washington dazu gedrängt, US-amerikanische Atomwaffen in Europa von Deutschland nach Polen zu verlegen, zusammen mit anderen Teilen des US-Streitkräfteaufgebots in Deutschland. Und Trump schien sogar etwas Ähnliches versprochen zu haben – wenn auch nicht in Bezug auf Atomwaffen. Und nun, wenn die Polen also keine US-Sprengköpfe haben können, dann sollen es ihretwegen gern zumindest französische und britische sein.

Doch hier hat Warschau dieses vollständig vollständig über Bord geworfen. Auf einem NATO-Verteidigungsministertreffen in Brüssel erklärte der polnische Vizeverteidigungsminister Paweł Zalewski unmissverständlich, dass Warschau die Stationierung von Atomwaffen ablehne:

"Ich möchte dies ganz klar und deutlich sagen: Polen will keine Atomsprengköpfe auf seinem Territorium stationieren lassen."

Warschau bekräftigte im Anschluss daran lange Zeit immer wieder, dass Polen weiterhin an einer nuklearen Abschreckungsstrategie festhalte, über einen europäischen nuklearen Schutzschirm verhandele und US-amerikanische Militärstützpunkte mit voller Gastfreundschaft des polnischen Volkes begrüße. Und nur seine Erklärung zum Atomwaffenverzicht hat Warschau bisher nicht zurückgenommen.

Um diesen bemerkenswerten Perspektivwechsel zu erklären, wenden wir uns der jüngsten Rede des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk zu. Sie war vor allem der Ukraine gewidmet: Tusk erklärte, der Ukraine-Krieg befinde sich an einem Wendepunkt, die nächsten sieben Monate seien entscheidend, Russland bereite eine verheerende Eskalation vor, und genau davor sei der CIA-Direktor nach Moskau eingeflogen, um Wladimir Putin vor einem solchen Schritt zu warnen. In diesen schwierigen Zeiten müsse Polen an sich selbst denken und an seiner eigenen Sicherheit arbeiten. Tusk erklärte wörtlich:

"Ich bin der Letzte, der Streit sucht. Ich mag keine Romantik in der Politik. Ich träume nicht von Ulanen-Angriffen über weite wilde Felder, wissen Sie. Ich tue alles, um Polen vor Konflikten mit seinen Nachbarn zu schützen."

In Wirklichkeit aber hat Warschau doch stets den Konflikt mit Russland gesucht. Tusk selbst hatte die Terroristen unterstützt, die die Nord-Stream-Pipeline sprengten. Auch der polnische Präsident Karol Nawrocki gab kürzlich irgendetwas nach dem Motto von sich, wo der Moskauer geschlagen werde, schlage auch Polen mit zu, denn es liege in seinem strategischen Interesse.

Auch ist Romantik, im Gegenteil, sogar eine der tragenden Säulen der polnischen Politik. Polnische Politiker träumen sehr wohl von Angriffen geflügelter Husaren über wilde Felder, von einem neuen Falschen Dmitri und Fürst Władysław – und davon, wie Polen einst im Kreml schmausten.

Am häufigsten aber träumen sie vom einstigen polnisch-litauischen Staatenbund, der sich von Küste zu Küste erstreckte – und der in neuer Form wiedergeboren werden könnte, falls die USA und die NATO die Ukraine als polnisches Protektorat anerkennen würden.

Doch dieser feuchte Tagtraum scheint seinen erotischen Reiz verloren zu haben und zu einem Albtraum geworden zu sein. Was ist also geschehen?

Russland hatte wiederholt erklärt, dass Atomwaffenstandorte auf polnischem Territorium im Falle eines direkten Konflikts mit der NATO sofort zu legitimen militärischen Zielen werden. In Warschau verhallten diese Warnungen zunächst ungehört – zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Was dort jedoch wirklich anschlagen konnte, waren die täglichen Bilder des real brennenden Kiew und die offenkundige Unfähigkeit (und der Unwille) der US-Amerikaner und Europäer, etwas für die Ukrainer zu tun – für dieselben Ukrainer, die sie selbst in den Fleischwolf ihrer "Eindämmung Russlands" getrieben haben und treiben.

Denn der Westen fühlt sich in diesem Konflikt pudelwohl (wenn man die zivilen Auswirkungen auf die Wirtschaft Europas einmal ausnimmt; Anm. d. Red.): Er bekämpft Russland mit Stellvertretern und auf fremdem Boden. Und wenn ihm die dafür nötigen Ukrainer ausgehen, wird er den Kampf gegen Russland problemlos mit den Händen Polens fortsetzen.

Polen ist sich dieser Aussicht vollkommen bewusst, und Russland hat den Polen anhand der Bilder aus Kiew deutlich vor Augen geführt, was sie erwartet. Und siehe da – hätten Sie's geahnt? Moskau hat also tatsächlich – ohne auch nur einen Finger extra dafür krumm zu machen – einen Weg gefunden, mit Tusk und Nawrocki fertigzuwerden. Sie wollen jetzt keine Konflikte mehr mit ihren Nachbarn.

Und was lernen wir daraus? Na, dass selbst polnische Politiker zur Vernunft gebracht werden können, wenn ihnen täglich Bilder des brennenden Kiew gezeigt werden.

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 31. August 2026.

Alexander Nossowitsch, Jahrgang 1987, ist ein russischer Politologe und Journalist. Er ist ein Spezialist für sozialpolitische Prozesse im Baltikum, in der Ukraine und in Weißrussland und Chefredakteur des analytischen Portals Rubaltic.ru.

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